Aktuell

Mittwoch, 12.08.2015

Wie wir durch unser Konsumverhalten zur Wasserknappheit in anderen Ländern beitragen

Kategorie: Allgemeine News, Virtuelles Wasser

 

Südwest-Presse, 9.5.2015

„Wasser ist zu billig“ - Wie wir durch unser Konsumverhalten zur Dürre in anderen Ländern beitragen

Wenn wir den Hahn aufdrehen, strömt zuverlässig Wasser heraus. Trotzdem geht uns Dürre in anderen Ländern etwas an. Daniel Petry, der Geschäftsführer der Vereinigung Deutscher Gewässerschutz, über virtuelles Wasser.

Was ist „virtuelles Wasser“?
DANIEL PETRY: Das Konzept hat der britische Geograph Tony Allen vor 20 Jahren entwickelt. Ihm ging es neben dem Umweltaspekt um entwicklungspolitische Ideen. Er wollte zeigen, wie wir mit unserem Konsumverhalten Wasser aus Entwicklungsländern importieren, das dann dort fehlt. Heute fällt darunter Wasser, das wir indirekt verbrauchen – für die Herstellung von Lebensmitteln und Konsumgütern.

Und wie viel wäre das?

PETRY: Direkt braucht der Durchschnittsdeutsche pro Tag 120 Liter – an virtuellem Wasser mehr als 4000.

Wie werden diese Beträge ermittelt?
PETRY: Ein beliebtes Beispiel ist die Tasse Kaffee, die mit 120 Litern zu Buche schlägt – genauso viel, wie wir direkt verbrauchen. Man berechnet, wie viele Bohnen in einer Tasse stecken, wie viele Kaffee-Pflanzen dafür wachsen und wie viel Wasser sie bis zur Ernte benötigen. Hinzu kommt das Wasser für die Produktion. In der Landwirtschaft wird das Meiste für die Bewässerung verbraucht. Berücksichtigt wird auch Grauwasser, also durch die Produktion verschmutztes Wasser.

Ist es egal, ob es sich um Regen oder künstliche Bewässerung handelt?

PETRY: Regenwasser ist im Grunde unproblematisch. Der meiste Kaffee stammt aus Regionen, in denen es ausreichend regnet. Anders sieht es aus bei Pflanzen wie Baumwolle oder Tomaten, die meistens intensiv künstlich bewässert werden.

Es spielt aber eine Rolle, in welchen Land die Tomate wächst, oder?

PETRY: In Deutschland ist der Anteil der künstlichen Bewässerung für Feldfrüchte sehr gering. Aber sehr oft kommen Tomaten eben aus trockenen, heißen Regionen, in denen es wenig regnet und die Verdunstung höher ist, etwa aus Süd¬spanien. Dort herrscht ohnehin große Wasserknappheit. Leider funktioniert auch noch die staatliche Aufsicht schlecht, Wasser wird oft illegal gefördert und fehlt dann für andere Zwecke.

Kann man das als Konsument überhaupt durchschauen?
PETRY: Das ist in der Tat schwierig. Wir haben zwar auf unserer Homepage den virtuellen Wasser-Verbrauch einer Reihe von Produkten aufgelistet. So einzukaufen, dass man sich total umweltbewusst verhält, ist aber eine Herausforderung. Es gilt ja auch, etwa den CO2-Ausstoß zu berücksichtigen. Eine Faustregel ist, Obst- und Gemüse saisonal und regional einzukaufen. Im Winter Erdbeeren aus Marokko oder Frühkartoffeln aus Ägypten zu kaufen, geht nur auf Kosten eines hohen Wasserverbrauchs vor Ort. Das funktioniert natürlich nicht bei Bananen oder Orangen, obwohl es auch da große Unterschiede gibt. Orangen aus Italien kommen mit sehr viel weniger Bewässerung aus als aus Ägypten oder Israel.

Sind Bio-Produkte sparsamer im Wasserverbrauch?
PETRY: In der Regel wird bei der Bewässerung kein Unterschied zu konventioneller Landwirtschaft gemacht. Aber Bioprodukte verursachen weniger Grauwasser. Und die Futtermittel stammen oft aus eigener Produktion. In der konventionellen Landwirtschaft beseht Kraftfutter zum großen Teil aus importiertem Sojaschrot, das sehr viel Wasser verbraucht.

Besser ist Bio also?
PETRY: Auf jeden Fall. Man spart aber auch viel virtuelles Wasser, wenn man weniger Fleisch ist. Denn das Kraftfutter hat einen sehr hohen Wasserverbrauch. Da ist halt die Frage, inwieweit der einzelne bereit ist, sich umzustellen. Man muss ja nicht gleich Vegetarier werden.

Nun ist in Deutschland das Wasser ja nicht knapp, wir könnten uns also entspannt zurücklehnen...
PETRY: Das ist ein Trugschluss, weil wir über unser Konsumverhalten zur Wasserknappheit in anderen Ländern beitragen. Wir importieren sehr, sehr viel: Südfrüchte, Futtermittel, Tierprodukte.

Besteht denn ein Bewusstsein für diese Problematik?
PETRY: Bei vielen hat es sich herumgesprochen, dass etwa Erdbeeren im Winter nicht sein müssen.

Und in der Politik?

PETRY: Da ist das Thema „virtuelles Wasser“ noch nicht so richtig angekommen. Es aber auch sehr schwer, das zu regeln. Am erfolgversprechendsten ist wohl, in den trockenen Ländern das nachhaltige Wassermanagement zu stärken. In vielen Entwicklungsländern ist das ein ganz großes Thema, etwa wegen der Ernährungssicherung.

Nun leiden aber auch Industrieländer wie aktuell Kalifornien an Wassermangel. Helfen die angeordneten Sparmaßnahmen überhaupt?
PETRY: Der überwiegende Wasserverbrauch dort, nämlich rund 80 Prozent, stammt in der Tat aus der Landwirtschaft. Dort ist aber auch der Pro-Kopf-Trinkwassergebrauch um ein Mehrfaches höher als bei uns. Zumindest in den reichen Gegenden.

Ist uns das Wasser einfach zu selbstverständlich geworden?
PETRY: Das trifft sicher für viele Gegenden zu. Wasser ist oft zu billig zu haben. Einige Länder stellen es ja sogar umsonst zur Verfügung, und was nichts kostet, ist auch nichts wert. Wobei eine Bauersfrau in Mali, die täglich viele Kilometer laufen muss, um ihre Familie mit Wasser zu versorgen, den Wert des Wassers kennt.

Wenn nun aber, sagen wir Spanien, den Grundwasserpreis drastisch erhöht, wird auch die Tomate im deutschen Supermarkt teurer...
PETRY: Die Landwirte werden sich überlegen, welche Früchte es sich noch lohnt anzubauen. Und wenn die spanische Tomate für uns dann nicht mehr so billig ist, ist das aber ein ehrlicher Preis. Wir müssen mit dem Wasser auskommen, das wir auf der Erde haben.

Das Interview führte YASEMIN GÜRTANYEL

Tipps zum wasserschonenden Einkauf unter virtuelles-wasser.de